Man zieht in gute Viertel, schickt die Kinder auf Privatschulen, achtet auf Stil und Manieren: Das Bürgertum grenzt sich ab – und erschwert Menschen aus den unteren Schichten den Aufstieg.

Sehr interessanter Artikel aus der Zeit über soziale Schichten, Bildungsbürgertum und „Gleich und Gleich gesellt sich gern“.

Früher hat in Deutschland jeder zweite Mann nach unten geheiratet und jede zweite Frau nach oben. Wenn sich der Arzt in die Krankenschwester verliebte und der Chef in die Sekretärin, dann entsprach das nicht nur dem Klischee der Groschenromane. Es führte auch dazu, dass sich die Milieus und Gesellschaftsschichten mischten, Wissenschaftler nennen es den »Aschenputtel-Effekt«. Die Krankenschwester konnte sich Dinge leisten, die für sie sonst unerreichbar gewesen wären. Der Heiratsmarkt wirkte wie ein privat organisiertes Umverteilungssystem, das dafür sorgte, dass sich oben und unten nicht zu weit voneinander entfernten.

Heute sorgt es für Erstaunen und Tuscheln, wenn ein Zahnarzt seine Helferin ehelicht. Ist die nicht unter seinem Niveau? Nur noch jeder fünfte Mann heiratet nach unten, hat der Soziologe Blossfeld herausgefunden. Der Beruf und der Bildungsstand sind neben dem Aussehen zum wichtigsten Auswahlkriterium geworden[…]

Skopeks Studie zeigt, dass niemand so streng auswählt wie gut ausgebildete Frauen. Die Tradition des Nach-unten-Heiratens kennen sie noch nicht. Früher haben sie nach oben geheiratet, jetzt wollen sie auf Augenhöhe bleiben. Eine Apothekerin, die einen Werkzeugmacher ehelicht, ist so selten wie eine 40-Jährige, die einen 20-Jährigen heiratet. […] Jahrzehntelang haben die Frauen in Deutschland um ihren Aufstieg gerungen, den Zugang zu den Unis, zu gut bezahlten Jobs, all das mussten sie sich erkämpfen, gegen den Widerstand der Männer, der Traditionen, der Klischees. Jetzt wollen sie ihren Erfolg und sich selbst nicht durch den falschen Partner herabstufen.