In einem jungen Leben passiert es eher selten, dass man einmal den Anfang eines Rituals erlebt. Normalerweise war ja alles »schon immer so«: dass man zur Feier des Samstags Brötchen kauft, sonntags die Großeltern besucht, montags wieder in die Schule muss oder dass man zur Tagesschau-Zeit niemanden anrufen darf.

Und Weihnachten natürlich! Weihnachten war ganz besonders »schon immer so«. Weihnachten, das bedeutete ganz selbstverständlich, mich in Bewegung zu setzen, zu meinen Eltern, in den ersten Jahren eine relativ kurze Strecke überwindend (vom Kinder- ins Wohnzimmer), später eine ziemlich lange (von Berlin ins Ruhr- oder gar in irgendein alpines Skigebiet). Wohin der Weg auch führte – an seinem Ende wartete stets das Zuhause: Vater und Mutter unterm Weihnachtsbaum.

Es gab Zeiten, in denen ich mir in meinem kindlichen Kosmos nicht vorstellen konnte, dass Weihnachten jemals anders sein würde. Es war schließlich »schon immer so« gewesen. Eines dieser Rituale eben, deren Anfänge für mich in dunkler Vorzeit lagen.

Und in diesem Jahr? Dreht sich etwas in meinem Leben, geht die Kindheit endgültig zu Ende. Ich merke das am Weihnachtsritual. Ich bin jetzt das Zuhause. Wir feiern Weihnachten erstmals bei uns. Das liegt weniger an meiner Frau und mir, es liegt mehr an unserer Tochter. Die ist zweieinhalb und somit in einem Alter, in dem ihr Verständnis so eben schon in Sphären reicht, in die meine Erinnerung so eben noch reicht: den ersten Martinszug, den ersten Nikolaustag. Eine schöne, erste Schnittmenge bewusst erlebter Erfahrungen. Höchste Zeit, Weihnachten bei uns zu feiern.

Wobei vor dem Feiern die Erkenntnis steht, dass einem neuen Ritual ein paar Mühen vorausgehen: Man braucht plötzlich eine Weihnachts-Grundausstattung. Sachen, die eigentlich nur Eltern haben, also alte Eltern meine ich. Man braucht: eine Krippe, eine Glocke, einen »Christbaumständer«, eine Idee fürs Essen, eine Ecke für den Weihnachtsbaum. Den Christbaumständer habe ich neulich bei Obi gekauft. Das Glöckchen hat meine Frau im Spielzeugladen besorgt. Die Idee fürs Essen haben wir noch nicht, und mit der Weihnachtsbaumecke sind wir auch noch nicht sicher.

Diese Frage kann einen wirklich beschäftigen. Es geht ja nicht nur um ein Weihnachten – es geht um Jahre! Die Ecke, in die wir unseren Weihnachtsbaum stellen werden, wird im Jahr danach wieder die Weihnachtsbaumecke sein. Und im Jahr danach wieder. Ich werde mich an diese Ecke gewöhnen. Das weiß ich, seit wir am dritten Advent in einem Forst unseren Baum geschlagen haben – der Anfang eines Rituals, das ich jetzt schon lieb gewonnen habe.

Doch was, wenn unsere Tochter in vielen Jahren Weihnachten woanders feiern will? Ich werde traurig sagen: »Geht nicht, wir feiern doch bei uns.« Sie wird dann fragen: »Wieso denn?« Ich werde antworten: »Das war doch schon immer so.«

– von Henning Sussebach (Quelle: www.zeit.de)